Vor drei Jahren stand ich in meiner Dunkelkammer und hielt einen frischen Abzug in der Hand. Das Bild war unscharf, der Rand leicht abgeschnitten, und die Farben zeigten ein seltsames Grünstich. Trotzdem war es das schönste Foto, das ich je gemacht hatte. Weil ich es selbst entwickelt hatte. Weil ich jede Entscheidung selbst getroffen hatte – von der Filmwahl bis zur Belichtungszeit. Seitdem suche ich nach immer besseren Wegen, diesen analogen Prozess zu verfeinern. Eine der besten Entscheidungen war, meine Ausrüstung bei Schmidt Foto zu ergänzen, einem Laden, der sich auf gebrauchte Mittelformatkameras spezialisiert hat. Die Beratung dort öffnete mir die Augen für eine Welt, die ich vorher nur aus Magazinen kannte.
Die digitale Fotografie hat uns viel gegeben. Sie ist schnell, günstig, unendlich korrigierbar. Aber sie hat uns auch etwas genommen: die Notwendigkeit, jedes Bild zu Ende zu denken, bevor man den Auslöser drückt. Wer digital arbeitet, macht oft zwanzig Aufnahmen von demselben Motiv – und sucht hinterher die eine brauchbare. Analog zwingt man sich, vor dem Druck auf den Auslöser zu wissen, was man will. Ich merkte schnell, dass meine Komposition besser wurde. Meine Belichtung saß häufiger. Und ich hörte auf, wahllos zu knipsen.
„Die beste Kamera ist die, die dich zwingt, langsamer zu machen – denn das Entscheidende passiert nicht im Sucher, sondern in deinem Kopf.“ – Eine Einsicht aus zwanzig Jahren Fotografie
Warum Mittelformat mich veränderte
Kleinbildfilme wie 35mm haben eine gewisse Eleganz. Sie sind handlich, schnell, für viele Situationen geeignet. Aber sie haben auch eine Grenze: Das Negativ ist klein. Vergrößert man es auf eine DIN-A4-Größe, sieht man bereits Körnung und Unschärfen. Mittelformat dagegen nutzt Filmbreiten von 60mm. Das Negativ ist etwa viermal so groß wie ein Kleinbildrahmen. Das bedeutet mehr Details, weichere Tonwertverläufe und eine ganz andere Plastizität. Ich fotografiere heute fast nur noch auf 6×7-Film. Jedes Bild kostet mich etwa 1,50 Euro nur für Material. Das zwingt mich zur Disziplin. Meine Ausbeute an guten Bildern stieg von vielleicht fünf Prozent auf dreißig Prozent.
Die richtige Kamera finden und warten
Als ich anfing, kaufte ich eine gebrauchte Mamiya RB67. Sie wiegt über zweieinhalb Kilo. Damit durch die Stadt zu laufen, ist eine körperliche Herausforderung. Aber die Kamera ist ein Werkzeug wie ein Schraubstock: unzerstörbar, präzise, mechanisch bis ins letzte Detail. Ich musste lernen, sie zu warten. Verschlusszeiten nachmessen. Lichtdichtungen erneuern. Die Mattscheibe reinigen, ohne Kratzer zu hinterlassen. Das ist kein Hobby für Ungeduldige. Nach einem Jahr wechselte ich auf eine Pentax 6×7, die etwas leichter ist, aber auch empfindlicher. Beide Kameras haben eines gemeinsam: Sie gehören zu den besten je gebauten analogen Systemen und sind heute auf dem Gebrauchtmarkt oft günstiger als eine halbwegs gute Digitalkamera.
Filme und ihre Charaktere kennenlernen
Ich fotografierte zuerst mit Fuji Provia, einem Diafilm mit großer Farbsättigung. Die Ergebnisse waren knallig, fast aggressiv. Dann probierte ich Kodak Portra 400. Dieser Film ist wie ein guter Rotwein: Er macht alles weicher, wärmer, menschlicher. Hauttöne wirken natürlich, Schatten bleiben offen. Aber man muss ihn richtig belichten. Unterbelichtet dreht er ins Grüne. Überbelichtet wird er pastellig. Ich messe heute jede Szene mit einem externen Sekundärlichtermesser. Das dauert pro Bild vielleicht dreißig Sekunden. In dieser Zeit überlege ich, ob die Szene es überhaupt wert ist, auf Film gebannt zu werden. Etwa jede zweite Szene verwerfe ich dann.
Entwicklung als kreativer Akt
Die Dunkelkammerarbeit ist für mich der eigentliche Höhepunkt. Ich entwickle Schwarzweißfilme selbst. Der Prozess dauert etwa eine Stunde pro Film. Man mischt Chemie, stellt Temperaturen ein (20 Grad Celsius sind ideal), schüttelt den Tank in genau festgelegten Intervallen. Weicht man ab, wird der Film zu kontrastreich oder zu flau. Ich führe ein Logbuch über jede Entwicklung: Entwickler, Verdünnung, Temperatur, Schüttelrhythmus, Zeit. So kann ich Ergebnisse reproduzieren oder gezielt verändern. Ein Film, den ich zu hart entwickle, bekommt eine raue Ästhetik – gut für Architektur, schlecht für Porträts. Diese Kontrolle gibt es in der Digitalfotografie nicht in dieser Form. Man klickt auf „Automatisch“ und hofft.
Kosten und Zeit als Lehrmeister
Viele sagen, analoges Fotografieren sei zu teuer. Das stimmt, wenn man es oberflächlich betrachtet. Ein Film kostet zehn Euro, die Entwicklung fünf, ein Scan noch einmal zehn. Für fünfundzwanzig Euro hat man 10 Bilder (bei Mittelformat 6×7). Digital schießt man tausend Bilder für denselben Preis. Aber ich habe in einem Jahr vielleicht 200 analoge Bilder gemacht – von denen ich sechzig für gut und zwanzig für hervorragend halte. In der gleichen Zeit digital habe ich 15.000 Bilder gemacht. Von denen habe ich vielleicht 200 behalten und fünf gedruckt. Die Kosten pro wirklich gutem Bild sind bei Analog also niedriger, wenn man den Zeitaufwand nicht mitrechnet. Und der ist der eigentliche Gewinn: Man verbringt Zeit mit dem, was zählt.
Praktische Tipps für den Einstieg
Wer in analoge Fotografie einsteigen will, kauft am besten zuerst eine gebrauchte Kamera mit Messsucher. Eine Leica M3 ist der Klassiker, aber auch eine alte Voigtländer Bessa reicht völlig. Dann besorgt man sich einen Film – Kodak Tri-X für Schwarzweiß oder Portra 400 für Farbe – und schießt einen Film komplett durch. Kostenpunkt: etwa dreißig Euro für Kamera und Film. Dann entwickelt man den Film entweder im nächsten Labor oder, besser, selbst. Ein Entwicklungsset kostet etwa fünfzig Euro und reicht für zwanzig Filme. Die erste Entwicklung wird daneben gehen. Das ist okay. Beim zweiten Mal wird es besser. Nach zehn Filmen weiß man, was man tut. Und dann passiert etwas Seltsames: Man fängt an, Bilder zu sehen, bevor man sie schießt. Man erkennt Licht und Schatten nicht mehr als technische Parameter, sondern als Material. Man hört auf zu suchen und fängt an zu gestalten. Das ist der Moment, in dem aus dem Knipser ein Fotograf wird.